Gutenberg: Der Buchdruck und die Folgen


Gutenberg: Der Buchdruck und die Folgen
Gutenberg: Der Buchdruck und die Folgen
 
Ein Schreiber im mittelalterlichen Skriptorium benötigte etwa drei Jahre, um eine Bibel vollständig abzuschreiben. In etwa der gleichen Zeit konnte Gutenberg von 1451 bis 1454 dank der Erfindung des Drucks mit beweglichen Lettern 180 identische Exemplare herstellen. Nach der Erfindung des Alphabets um das Jahr 1000 v. Chr. und dem damit verbundenen Übergang von der Oralität zur Literalität war dies ein zweiter Quantensprung in der Geschichte der Kommunikation. Die Zeitgenossen jubelten dementsprechend, dass es nun »jedem Menschen möglich sei, höherer Bildung teilhaftig zu werden«.
 
Der Humanist Konrad Celtis befasste sich in einer eigenen Ode mit den Folgen von Gutenbergs Erfindungen. Er stellte fest, dass es einem Sohn der Stadt Mainz zu verdanken sei, dass die Deutschen nicht mehr von den Italienern wegen ihrer angeblichen geistlosen Untätigkeit geschmäht werden könnten. Die Buchdruckerkunst bot für ihn die Möglichkeit, die Länder nördlich der Alpen an den geistigen Vorsprung der Romania Anschluss finden zu lassen. Celtis beschrieb, auf welchem Wege es nun möglich geworden sei, die geistige Verspätung Deutschlands zu überwinden: Allein durch die technische Erfindung Gutenbergs, die es erlaubte, »fest Typen aus Erz zu formen und die Kunst zu lehren, mit umgekehrten Buchstaben zu schreiben«. Diese mit einfachen Worten, aber präzise beschriebene Technik ermöglichte nämlich: die Bereitstellung von Texten der Antike in Anthologien und Editionen und damit Teilhabe an ihrer impliziten »Weisheit«; Wissensvermittlung (als eine Bildungsaufgabe) in erschwinglichen Textausgaben mit philologischer Exaktheit und in angemessener äußerer Gestaltung; fundierte universitäre Lehre und Forschung sowie die Bergung von internationalen und nationalen Handschriftenschätzen.
 
Die hohe Einschätzung ihrer pädagogisch-geistigen Bildungsaufgaben führte die Humanisten zu gesteigerten Anforderungen an die technische und illustrative Ausstattung der von ihnen herausgegebenen Druckwerke. Sie sollten nicht nur philologisch exakt sein, sondern auch in ihrer äußeren Gestaltung dem inneren Wert entsprechen. Diese Forderung stellte erhebliche Ansprüche an die Bildung der Setzer, Korrektoren und Verleger. Viele Humanisten arbeiteten daher sehr eng mit den Druckern zusammen; ein prominentes Beispiel ist die Kooperation von Erasmus von Rotterdam mit seinem Druckerverleger Johann Froben in Basel. In den Briefen der Humanisten und in den Kolophonen (den Schlussschriften der Bücher) lesen wir häufig überschwängliche Äußerungen zu der neuen Drucktechnik. Bischof Giovanni Andrea Bussi schrieb 1468, dass die deutschen Erstdrucker in Italien, Konrad Sweynheim und Arnold Pannartz, ihr Gewerbe mit so viel Kunstfertigkeit ausübten, dass der Kaufpreis künftig weniger betrage, als man früher für das Binden von Büchern habe ausgeben müssen, jetzt könnten sich auch Arme »ganze Bibliotheken um wenig Geld zulegen«. Eine zahlenmäßig relevante Bereitstellung humanistischer zeitgenössischer Texte oder antiker Schriften in Sammelbänden setzte allerdings erst in den 70er-Jahren des 15. Jahrhunderts ein. Das Jahr 1480 wurde zu einem entscheidenden Wendepunkt in der Entwicklung der Buchgeschichte, da sich zu diesem Zeitpunkt die Buchgestaltung von den Handschriftenvorbildern abgelöst hatte, eigene Titelblätter geschaffen und handlichere Formate durchgesetzt wurden. Auch der Buchpreis sank in den 70er-Jahren auf die Hälfte bis ein Viertel des ursprünglichen Preises. Vor allen Dingen aber kam es zu einer Änderung der Titelauswahl: Nachdem die ersten gedruckten Bücher lateinische Bibeln, einfache Gebrauchstexte, Grammatiken und Wörterbücher waren, finden wir nun erstmals die Schriften der zeitgenössischen humanistischen Schriftsteller, Editionen antiker Autoren und Übersetzungen der Frühhumanisten in die Volkssprache.
 
Im Unterschied zu anderen Drucktechniken in den asiatischen Ländern zeichnet das Verfahren Gutenbergs aus, dass es von vornherein weder in Händen des Staates oder einer Staatsreligion noch in den Händen einer Zunft gefangen blieb, sondern sich sofort durch die Wanderung seiner Gesellen unbehindert ausbreiten konnte. Im Jahre 1500 finden wir bereits in 260 Städten Buchdruckereien, Offizinen - quer über Europa verteilt. Bereits fünf Jahre nach Gutenbergs Erfindung wurde in Köln, Bamberg und Straßburg gedruckt, 1464 in Rom, 1466 in Basel, 1468 in Pilsen. Seit 1473 finden wir Buchdrucker in Belgien, Ungarn, Spanien und den Niederlanden, seit 1474 in Polen und in England, seit 1482 in Dänemark und Österreich, seit 1483 in Schweden und 1487 in Lissabon. Über 30 000 Titel wurden in den ersten 50 Jahren der Buchdruckerkunst herausgegeben mit weit über 10 Millionen Exemplaren.
 
Neben dem Humanismus als der tragenden Säule des geistigen Lebens in Europa im 15. Jahrhundert sind auch die Reformationsbestrebungen innerhalb der Kirche zu erwähnen. Natürlich hatte sich Gutenberg bei den ersten Produkten auch an die bisherige Mäzenin aller Künste und Wissenschaften des gesamten Mittelalters, die römische Kirche, gewandt. So wurde das erste Buch von Bedeutung - in bis heute unübertroffener Schönheit - eine lateinische Ausgabe des Alten und Neuen Testamentes, die Vulgata-Übersetzung des heiligen Hieronymus, die 1454 in Mainz in zwei Bänden mit 1282 Seiten fertig gestellt wurde. Wie wir einem Brief des späteren Papstes Pius II., des Humanisten Enea Silvio Piccolomini, entnehmen können, war bereits vor Fertigstellung die Gesamtauflage von 180 Exemplaren vergriffen. Dennoch bemächtigte sich die Kirche nicht dieser neuen Erfindung, sie versuchte sie im Gegenteil sogar durch Zensuredikte einzuschränken, da die heiligen Texte ihrer Meinung nach nicht in die Hand des Laien gehörten.
 
Die reformatorischen Kräfte innerhalb der Kirche aber, allen voran Nikolaus von Kues, begrüßten jedoch diese neue Erfindung nachhaltig. Luther bezeichnete die Buchdruckerkunst als das höchste Geschenk, als »summum et postremum donum, durch welches Gott die Sache des Evangelii forttreibet«. Seine bildungspolitischen Prämissen konnte er durch die massenhaften Auflagen des »Kleinen Katechismus« (30 Ausgaben mit insgesamt 50 000 Exemplaren) und die für die Geschichte Europas nicht hoch genug einzuschätzende Übersetzung und Verbreitung des Alten und Neuen Testaments in der neuen, papiernen Form verwirklichen. Hatte Gutenberg die lateinische Vulgata in 180 Exemplaren auf Pergament und Papier hergestellt, so konnte Luther 80 Jahre später die deutschsprachige Bibel in etwa 500 000 Exemplaren auf Papier verbreiten. Den reformatorischen Bestrebungen wuchsen mit dem Buchdruck geradezu Flügel. Damit einher ging ein neues Bildungsideal, das von den Humanisten in Übereinstimmung mit den Reformatoren vermittelt wurde.
 
Die Reformation Martin Luthers ist ohne den Buchdruck nicht vorstellbar. Auf der anderen Seite förderte sie aber auch den Buchdruck in seiner Entwicklung deutlich und dies nicht nur mit den umfangreichen Bibelausgaben, sondern vor allem durch die vielfältigen Flugschriften und Pamphlete, die, oft genug von sprechenden Illustrationen begleitet, das zum Teil noch leseunkundige »gemeine Volk« zu unterrichten suchten. Das Für und Wider der Reformation findet sich daher in den vielfältigen Flugblättern und Einblattdrucken widergespiegelt. Aber nicht nur die religiösen Themen im 16. Jahrhundert fanden so ein Lese- oder Vorlesepublikum, sondern auch die ersten »Neuen Zeitungen« entstanden, die zu den verschiedensten weltlichen Dingen Aufschluss gaben.
 
»Neue Zeitung«, das heißt neue Nachricht, wurde bis dahin in aller Regel am Ende eines persönlichen Briefes weitergegeben und dabei noch berichtet, was gerade bei einer Schiffsreise oder bei einem Auslandsaufenthalt Interessantes zu vermelden war. Innovative Verleger, gerade in Nürnberg, nutzten diese brieflichen Mitteilungen und druckten sie als »Neue Zeitungen aus Venedig« mit den Neuigkeiten von der Seidenstraße, von Gewürz- und Stofflieferungen. Kaiser Maximilian I. setzte die Flugblätter bereits zur politischen Propaganda ein. Nur wenige Jahre nach Erfindung der Buchdruckerkunst finden sich die ersten Ansätze zur psychologischen Kriegsführung mittels schriftlicher Beeinflussung hinter den feindlichen Linien bei den Kämpfen in Oberitalien.
 
Kriegerische Ereignisse waren durchaus zentrale Nachrichten der Flugblätter und »Neuen Zeitungen«, die zunächst nur unregelmäßig und zu einzelnen Ereignissen erschienen. Die Zunahme der Lesefähigkeit im 16. Jahrhundert, ausgelöst nicht zuletzt durch die Anstrengungen von Luther und durch die Saat humanistischen Gedankengutes, schuf ein neues Lesepublikum, das sich den umfangreichen deutschsprachigen Romanen ebenso zuwandte wie dem kurzweiligen Tagesschrifttum. Die Reformation, der Bauernkrieg oder die Vorgeschichte des Dreißigjährigen Krieges mit ihrer Konfessionspolemik sind ohne diese Flugblattagitationen kaum zu verstehen.
 
Aber auch zu den unterschiedlichen Messen, gerade in der Hauptmessestadt Frankfurt am Main, erschienen zunehmend regelmäßig Mess-Relationen, die dem Zugereisten Informationen über den Messplatz und über die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung boten. Diese Mess-Relationen gehören in die Vorgeschichte der regelmäßigen Zeitung, die seit dem ersten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts bekannt ist. In Straßburg und Wolfenbüttel, kurz danach in Hildesheim, erschienen wöchentlich oder sogar täglich Zeitungen, die sich an ein allgemeines Publikum richteten. Die öffentliche Meinung wurde damit langsam zu einer ernst zu nehmenden Macht in der Gesellschaft, die Druckerpresse, so Elizabeth L. Eisenstein (1979), zu einem »agent of change«, zu einer Triebfeder des Wandels.
 
Prof. Dr. Stephan Füssel
 
 
Eisenstein, Elizabeth L.: Die Druckerpresse. Kulturrevolutionen im frühen modernen Europa. Aus dem Englischen. Wien u. a. 1997.

Universal-Lexikon. 2012.

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